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Wie ich zu Nygard kam? Da muß ich etwas weiter ausholen….
Im Juni 2003 war ich wieder auf der Suche nach einem neuen Spielkameraden für Billy. Ich erfuhr von einem Haflinger namens Joschi, irgendwo bei Goch/Bedburg-Hau. Dieser war 4 Jahre, war gerade eben eingeritten, hatte ganz schlimmes Sommerekzem und bereits eine Vergiftungsrehe (aufgrund Cortisongabe WEGEN Sommerekzem). Er war deshalb für 500 Euro zu verkaufen. Da mich das Thema Sommerekzem interessiert, hat mich das nicht abgeschreckt, damit würde ich schon klar kommen… habe ja einen Ekzemer (Duffy) zu Hause stehen und habe das ganz gut im Griff. Ich bin dann hingefahren und habe mich SOFORT in Joschi verliebt. Ein richtig kräftiger, großer Bursche mit richtigen weißen Löckchen (an den letzten, nicht abgescheuerten Strähnen der Mähne zu erkennen).
Parallel dazu guckte ich mir in Oermten einen Norweger namens Nygard an. Er war Kopper, was mich auch gleich vorsichtig werden ließ, doch die Besitzerin versicherte glaubhaft, dass das Koppen keine Probleme (Koliken etc.) bisher bereiten würde. Er sollte verkauft werden, weil die Besitzerin mehr oder weniger Angst vor ihm bekommen hatte. Er benahm sich büffelig, ging seine eigenen Wege und entschied für den Menschen die Richtung auf Platz oder Gelände. Die Besitzerin hatte einfach nicht die (körperliche) Kraft, mit ihm fertig zu werden. Sie hatte ihn ca. 5 Jahre und es wurde immer schlimmer, so dass sie sich vernünftigerweise für den Verkauf entschloss. Der Preis vom Norweger war 3 x so hoch wie der vom Haflinger, deswegen war auf den 1. Blick der Haffi für mich (ich suchte immerhin ein Beistellpferd) interessanter. Ich ließ mir den Norweger in der Halle vorreiten, einmal vom ansässigen Westerntrainer, einmal von meiner mitgebrachten Bekannten, einmal ritt ich dann noch selber. Ich fühlte mich soweit ganz wohl auf ihm, fuhr aber wieder… denn eigentlich hatte ich mich mehr in Joschi verguckt – dem Haffi mit den blonden Löckchen.
Ich ging Joschi mehrmals besuchen, schrieb unendlich lange E-Mails mit der Besitzerin hin und her, war hin und hergerissen, behielt aber trotzdem den Blick für das Wesentliche: Seine Hufe! Beim 1. Besuch waren diese in einem katastrophalen Zustand. Ausgebrochen und kurz. Beim 2. Termin war der Hufschmied zwar gerade da… aber so was von kurze Hufe hatte ich noch nie gesehen. Und er lief doch nur auf der weichen, grünen Wiese…. das gab mir schon zu denken…
Mittlerweile waren fast 3 Wochen um. Der Kauf von Joschi war mittlerweile klar und nur die Ankaufsuntersuchun g fehlte noch. Ich fuhr mit meiner TA nach Goch und sie checkte das Pferd durch. Ihr fiel ein extrem verspannter Rücken auf (woher kam der, das Pferd wurde doch nicht geritten??) und auch die Beugeproben waren nicht sauber. Während der Beugeprobe sah ich wieder auf die Hufe, die irgendwie NOCH kürzer zu sein schienen…. ich brach die AKU ab. Ich wollte ihn nicht. Aus Vernunfts- und Kostengründen. Wir schußfolgerten nämlich die Rückenprobleme aus den katastrophalen Hufen. Kurz = fühlig (das war er ja) = Verspannungen im Rücken. Da ich ja mit Billy einen Rückenkandidaten habe, wollte ich mir nicht noch einen antun. Und um diese Verspannungen erstmal rauszukriegen hätte Joschi einen Rundumglücklichbeschlag gebraucht, damit die Hufe zur Ruhe kommen und er sich im Rücken locker machen könnte. Sozusagen müsste er (vielleicht ständig?) beschlagen werden, um gesund zu bleiben? Und hier lief er auf Wiese, zu Hause hab ich Sand? Würde das gut gehen? Ich wollte es gar nicht ausprobieren….
Es war nun spät nachmittags, als ich mit meiner TA enttäuscht, aber sicher in dem Glauben, das Richtige getan zu haben, von Goch Richtung Heimat fuhr und ich hatte Torschlusspanik. Hmmmmh. Ob der Norweger wohl noch da war??? Ich sagte meiner TA zur Vorsicht, sie solle sich heute noch seelisch auf eine AKU einstellen und wenn es um 20.00 Uhr sei… ;-). Sie belächelte mich, setzte mich zu Hause ab und fuhr von dannen.
Ich schwang mich in mein Auto und fuhr sofort nach Oermten, gucken, ob der Norweger, nun sozusagen mein Notstopfen, noch da war. Immerhin waren 3 Wochen vergangen. Er war da. Leider keine Besitzerin. Ich organisierte an ihrem Stall die Telefonnummer und rief sie an, ich wollte ihn noch mal im Gelände probereiten, da ich ja – wenn – auch ein Pferd zum Ausreiten suchte. Spontan wurde eine Mitreiterin zur Verfügung gestellt und ich ging mit ihr, ihrem Pferd und Nygard eine Stunde in den Busch. Dort machte er soweit einen geländesicheren Eindruck. Auch die Mitreiterin sagte, sie hätte sich Nygard schon mal für einen Urlaub in der Lünburger Heide ausgeliehen…. das ließ hoffen.
Nach dem Ausritt am Hof wieder angekommen, verhandelten wir über den Preis und ich hörte Drohungen wie: Ein Händler sei schon unterwegs wegen Nygard…. (der steckte aber zu meinem Glück doch in seiner Heuernte fest). Und schon rief ich die TA an. Sie war allerdings in einem anderen Termin und schickte eine Kollegin. Kein Problem. Nach der zum Glück bestandenen AKU um ca. 20.00 Uhr wurde mir um 21.00 Uhr Nygard frei Haus angeliefert.
Zuvor hatte ich in Windeseile quer über meinen Reitplatz den obligatorischen Doppel-Trenn-Zaun (1 Meter Abstand) gebaut, damit das neue Pferd sich in Ruhe einleben kann. Der war auch bitter nötig, denn nicht nur Billy machte auf dicke Hose wegen dem „fremden Neuen“, nein, auch der Norweger kam, sah und sagte (im spanischen Schritt den Zaun langstrampelnd): Ich bin jetzt hier der Chef! Na, Prost, DAS konnte ja noch heiter werden…..
Über Nacht legte Nygard unzählige Kilometer im Schritt hin. Insgeheim dachte ich: Mein Gott, wenn das Joschi gewesen wär… (Stichwort Hufe und Sandboden)… der hätte sich blutig gelaufen…. Am nächsten Morgen stellte ich abwechselnd beide Frauen zu Nygard. Da er – wie mir erzählt wurde – ein Frauenheld ist („ALLES MEINE Stuten!!!“) gab das auch absolut keine Probleme. Höflich aber bestimmt sagte er den Damen, wer nun ihr neuer Macker ist. Tja, nur mit Billy dauerte das etwas länger….. über die Holztrennwand im Stall – die einzige Möglichkeit zur Kontaktaufnahme - stiegen sich die zwei Herren an und bissen und kämpften, dass der Stall zusammenzubrechen drohte…. Ich stellte mich auf „etwas länger“ ein, bis ich die Pferde zum ersten Mal zusammen lassen konnte.
Aber auch dieser Tag sollte kommen – so etwa nach 3 (!!!!) Monaten, bis ich ein halbwegs gutes Gefühl hatte. Ich öffnete eine große Wiese, ließ alle Pferde laufen und guckte, was passiert. Nach wenigen Minuten kamen sich die 2 Herren beim Grasen etwas zu Nahe. Herr Billy sagte sich in seiner gemütlichen Art, moooment, dem knall ich mal eben eine und dann is das gegesssen…..in dieser Zeit hat der kleine Norweger schon 10 x Handstand gemacht und 10 x hintenraus gepfeffert, so dass Billy sich mit einem Satz zur Seite rettete und ganz schön dumm aus der Wäsche guckte. So weit so gut erstmal, ein zweiter Kampf ging so ähnlich aus und von nun an ließ ich die Pferde zusammen, der große Billy ging dann lieber mal, wenn der kleine Norweger kam. Und letzterer rettete ständig beide Frauen, wenn Billy diesen zu Nahe kam, indem er sich hengstig präsentierte und die Frauen woanders hin drängte. Da Billy sich aber nicht so doll für Frauen interessiert, war ihm das ziemlich egal. Er ging dann halt auch woanders hin…
Das Schauspiel ging ungefähr einen Monat so. Billy ging, wenn Nygard kam. Bis ich eines Tages feststellte, dass Billy immer „später“ ging, wenn Nygard kam. Er ging also nicht sofort, sondern wartete ab, was passiert. Norweger droht einmal, zweimal und dann, so im letzten Moment, ging der Billy dann….. Ich merkte gleich, dass da was im Busch ist und beobachtete weiter…
Eine Woche später ungefähr, nachts um 0:30 Uhr war es dann soweit: Ich stand senkrecht im Bett als es draußen knallte und quietschte und ich dachte: Jetzt ist alles aus. Ich machte Licht am Stall, griff die Salbe und erwartete das schlimmste wie z. B. gebrochene Beine etc.
Ich beäugte alle Pferde, die mich alle gleichzeitig unschuldig anschauten, entdeckte zum Glück nur Lackschäden… und: Nygard ging, wenn Billy kam. DAS war also die entscheidende Schlacht gewesen. Von diesem Tage an bis heute, ging grundsätzlich der Noweger, wenn Billy kam. Endlich Ruhe!!!
Es dauerte wiederum ca. 2 Monate, bis die Jungs dann auch endlich richtig mit dem Spielen anfingen. Es ist bis heute – vor allem in den Wintermonaten – eine Freude, das mit anzusehen. Steigen, Galoppieren, Piaffe, Zwicken, Kämpfen, Tauziehen mit einem Stock…. Die beiden liefern sich das volle Programm und somit hat Nygard seinen ursprünglichen Zweck als „Beistellpferd“ völlig erfüllt.
Mein Schwerpunkt bei ihm liegt derzeit immer noch beim „Alleine-Ausreiten-Lernen“, da hat er ab und zu noch ein paar Richtungsmeinungsverschiedenheiten mit mir. Aber am liebsten machen wir zwei nun doch Zirkuslektionen zusammen. Da er für ein blödes Leckerli FAST alles tut, ist er natürlich mit Hocheifer dabei….
Jetzt, wo er mich seit über 4 Jahren mit seiner Anwesenheit beglückt, kann ich sagen, dass ich echt froh darüber bin, ihn damals genommen zu haben. Er ist ein superlieber, schnuckeliger, schmusiger Charmeur, der garantiert jedes Herz nach 3 Minuten erobern kann mit seiner netten Art.
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Nachtrag im Juli 2010.
Nygard hat sich - nach mittlerweile ca. 7 Jahren - überlegt, sich mit Billy “anzulegen”, um Chef der Herde zu werden. Leider riss bei diesem Kampf Billys eigentlich völlig verheilte Operationsnarbe (habe im Feb. 2010 Equine Sarkoide an der Innenseite Oberschenkel wegschneiden lassen) komplett wieder auf und ich hatte wieder ein 10 cm großes Loch im Pferd, welches in der Klinik genäht werden mußte.
Solche Rangkämpfe bin ich in meiner Herde nicht gewohnt und sind mir auf Dauer dann doch zu gefährlich (und zu teuer), aus diesem Grunde wurde Nygard sehr schweren Herzens im Juli 2010 in sehr gute Hände verkauft. Mit der neuen Besitzerin habe ich ab und zu Kontakt und sie ist super verliebt in ihn.
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Trotz allem hier noch einige schöne aktuelle Fotos von ihm aus Juni 2010, fotografiert von Liane Helmig, LH Fotografie, http://www.lh-fotografie.de/
Heeee, nicht über den Bauch lachen.... ;-)
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